Forschungsprojekt: Brüche und Kontinuitäten
FORSCHUNGSPROJEKT:
BRÜCHE UND KONTINUITÄTEN
DIE GESCHICHTE DER WIENER PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG 1938-1971 (1945)
Leitung: Prof. Dr. Mitchell Ash
MitarbeiterInnen: MitarbeiterInnen
AG der WPV in Kooperation mit der Akademie / ProjektmitarbeiterInnen:
Thomas Aichhorn, Elisabeth Brainin, Christine Diercks, Julia Friedrichkeit, Michaela Fuhrmann, Elke Mühlleitner, Birgit Johler, Michael Hubenstorf, Johannes Reichmayr, Christane Rothländer, Daphne Stock, Samy Teicher.
Förderung:
Zukunftsfonds der Republik Österreich
Arbeitsschwerpunkte:
Der Zeitrahmen für das vom Zukunftsfonds finanzierte Forschungprojekt umfasst im Kern die Jahre 1938-1945.
Im ersten Abschnitt werden Fragen zur Liquidierung der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung und der „Arisierung“ ihres Vermögens ebenso untersucht, wie die zahlreichen daran beteiligten politischen Institutionen und Personen, die ganz unterschiedliche Interessen vertraten. Darüber hinaus soll festgestellt werden, welche Wiener PsychoanalytikerInnen von der „Arisierung“ betroffen waren.
Der zweite Abschnitt widmet sich der Untersuchung der Wiener Arbeitsgemeinschaft des Deutschen Instituts für Psychologische Forschung und Psychotherapie (Göring-Institut) und vertieft und ergänzt die bisherigen bereits geleisteten Forschungsarbeiten.
Dritter Abschnitt: Veröffentlichung des Briefwechsels Anna Freud - August Aichhorn 1921-1949
Inhalt:
Der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich hatte die Liquidierung der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung, die „Arisierung“ ihres Vermögens und ihrer Räumlichkeiten sowie die Vertreibung nahezu aller PsychoanalytikerInnen aus Wien zur Folge. Zurück blieben lediglich drei ehemalige Mitglieder der Wiener Vereinigung, von denen jedoch nur August Aichhorn als „behandelnder Psychologie“, so der unter dem NS-Regime gebräuchliche Terminus, unter denkbar schwierigsten Bedingungen weiter praktizierte und mit einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter die psychoanalytische Tradition fortzusetzen versuchte. Aus dieser Gruppe werden sich im Laufe der Jahre mehrere Mitglieder im antifaschistischen Widerstand engagieren, zwei von ihnen ins KZ Auschwitz deportiert werden. 1980 wurden mit Ella Lingens, Kurt Lingens und Karl Motesiczky drei Mitglieder der Gruppe vom Staat Israel als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt - eine Auszeichnung, die bisher nur 86 ÖsterreicherInnen zuteil wurde.(1)
Die Wiedereröffnung der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung nach dem Zweiten Weltkrieg und ihre Präsenz in der Zweiten Republik in Österreich fand unter den schwierigen Bedingungen des Bruchs ihrer wissenschaftlichen Traditionen und dem Fortleben klerikal-antiaufklärerischen und aus der Zeit des Austrofaschismus und Nationalsozialismus fortwirkender Repressionen und Vorurteilte sowie aufgrund der personellen Situation und der fehlenden klinisch-institutionellen Basis nur langsam statt. Trotzdem lässt sich insbesondere unmittelbar nach Kriegsende ein sehr aktives Engagement der Mitglieder der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung im psychosozialen Bereich feststellen, das nach Aichhorns Tod jedoch schnell wieder abflaute. Erst in den 1970er-Jahren begann sich ein Einstellungswandel gegenüber der Psychoanalyse bemerkbar zu machen: 1971 fand der 27. Internationale Psychoanalytische Kongress in Wien statt und im gleichen Jahr wurden in der Geburtsstätte der Psychoanalyse in der Berggasse 19 das „Sigmund-Freud-Haus“ und das „Sigmund-Freud-Museum“ gegründet.
Ziel des Forschungsprojekts über die Geschichte der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung von 1938 bis 1971 ist es, nicht nur – wie bisher geschehen - die Brüche in den Vordergrund zu stellen, sondern erstmals soll auch versucht werden, die Untersuchung der Traditionslinien der Wiener Psychoanalyse vor dem „Anschluß“ und dem Zweiten Weltkrieg mit Entwicklungen nach dem Krieg in Beziehung zu bringen. Dabei werden der Prozess der (Re-)konstruktion solcher Traditionslinien und die Kontroversen, die damit zusammenhängen, besonders zu beachten sein. Besonderes Augenmerk wird daher auf der während des Krieges agierende Arbeitsgruppe unter der Leitung von August Aichhorn liegen, deren Mitglieder teilweise die Wiener Psychoanalytische Vereinigung nach dem Krieg aufbauten bzw. eine zweite psychoanalytische Gruppe, den Wiener Arbeitskreis für Tiefenpsychologie, ins Leben riefen. Im Zuge des Projekts soll geklärt werden, ob sich Kontinuitätslinien in der Wiener Psychoanalyse trotz einer Situation des Neubeginns angesichts der verheerenden menschlichen Verluste durch die Vertreibung feststellen lassen und ob Forschungsschwerpunkte vor und nach dem Krieg kultur- und gesellschaftspolitisch eingeordnet bzw. in Beziehung gebracht werden können, welche Handlungsspielräume die Wiener PsychoanalytikerInnen für sich nutzbar machen konnten bzw. ihnen zugestanden wurde. Ziel des Projekts ist es, vor dem Hintergrund des bevorstehenden 100. Jubiläums der Gründung der WPV im Jahre 1908 Grundlagenforschung auf mehreren Ebenen voranzutreiben. Konkret soll die Arbeit am Projekt in drei chronologische Abschnitte organisiert werden:
(1) Erika Weinzierl (1997), Zu wenig Gerechte. Österreicher und Judenverfolgung 1938-1945, Graz/Wien/Köln.
Redaktion CD; 23.3.2011

