Paul Federn
* 1871/10/13
† 1950/05/04
Arzt, Psychoanalytiker, einer der wichigsten und loyalsen Mitarbeiter Freuds in Wien. Mitherausgeber des "Psychoanalytischen Volksbuchs", der "Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse" und der "Zeitschrift für Psychoanalytische Pädagogik". Er entwickelte eine psychoanalytische Ich-Theorie, in der er die Bedeutung der libidinösen Besetzung des Ich, der „Ich-Grenzen“, für das Verständnis der Psychose herausarbeitete.
1903-1938 Mitglied der Psychologischen Mittwochgesellschaft, 1908, nach der Gründung der WPV Rechnungsprüfer, an der Gründung des Ambulatoriums der WPV beteiligt, Vorsitzender des Lehrausschusses, 1924-1938 stellvertretender Obmann der WPV. Ab 1946 Ehrenmitglied der New York Psychoanalytic Society.
1938 Emigration über Schweden nach New York, USA.
Chronologie:
Paul Federn wurde am 13.10.1871 als Sohn von Salomon Federn und Ernestine Federn, geb. Spitzer, als dritter von drei Söhnen, zwei Schwestern und einem jüngeren Bruder in Wien geboren. Er stammte aus einer angesehenen jüdischen Bürgerfamilie. Der Großvater väterlicherseits war Rabbiner in Prag, der als Sekretär tätig war. Der Vater – Salomon – entfloh dem Prager Ghetto und der 1848er Revolution, an der er teilgenommen haben soll, nach Wien und studierte Medizin. Salomon Federn (1831-1920) war ein bedeutender und erfolgreicher praktischer Arzt in Wien, der bis zu seinem 88. Lebensjahr praktizierte und als Erster Blutdruckmessungen am Krankenbett durchführte. Die Mutter Ernestine – aus einer Wiener Kaufmannsfamilie – war schriftstellerisch tätig und engagierte sich in der sozialen Wohlfahrt. Auch eine der Schwestern Federns, Mariette, genannt Etta, geb.1883, was Schiftstellerin. Die Familie Federn zeichnete sich durch eine liberale Grundhaltung aus.
Federn besuchte das Akademische Gymnasium und maturierte dort 1889. Auf Wunsch seines als eher dominant beschriebenen Vaters studierte er an der Universität Wien Medizin und promovierte 1895. Im Allgemeinen Krankenhaus absolvierte er 7 Jahre lang – als Assistent von Herman Nothnagel - seine Ausbildung zum Facharzt für innere Medizin. Während dieser Zeit begann sein Interesse für die Psychoanalyse und er kam durch Nothnagel mit Sigmund Freud in Kontakt. Seine eigene Privatpraxis eröffnete er 1902 und betrieb diese bis 1918. Seine erste Publikation, „Zur Reform des ärztlichen Spitalldienstes“ erschien 1901.
Im Jahre 1903 wurde Paul Federn Mitglied der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft (ab 1908 Wiener Psychoanalytische Vereinigung (WPV)) und war treuer Anhänger und Vertrauter Sigmund Freuds.
1905 heiratete er Wilma Bauer, die Tochter eines protestantischen Advokaten, das Paar bekam 3 Kinder: 1905 wurden Anni, 1910 Walter und 1914 Ernst geboren.
1908, nach der Gründung der WPV übernahm Paul Federn die Funktion des Rechnungsprüfers der Vereinigung.
Im Ersten Weltkrieg diente er als Militärarzt der k. u. k. Armee. Im Anschluss daran trat er der Sozialdemokratischen Arbeiter-Partei bei, der er bis zu deren Auflösung 1934 angehörte. Er war Bezirksrat in seinem Wohnbezirk (1010 Wien, Riemergasse 1), engagierte sich gemeinsam mit seiner Schwester Else im Verein Settlement, „seine praktischen Ziele gipfeln darin, daß es Kindern armer Arbeiter, die tagsüber sich selbst oder der Straße überlassen waren, Heim und Obdach, Erziehung, Zerstreuung, Beaufsichtigung und einen kleinen Imbiss bietet“. Dieses Projekt war von seinen Ideen geleitet, die u.a. in seiner Schrift „Zur Psychologie der Revolution: Die vaterlose Gesellschaft“ 1919 festgehalten und publiziert sind.
Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, war Paul Federn einer der führenden Lehranalytiker der WPV. Er war Vorsitzender des Lehrausschusses und von 1924-1938 stellvertretender Obmann der WPV. Er wurde von Freud – nach dessen Erkrankung – zu seinem persönlichen Nachfolger ernannt und stand immer loyal zu ihm.
Federn bemühte sich sehr um die „popularisierende Ausbreitung der psychoanalytischen Erkenntnisse“ und publizierte 1924 in diesem Kontext gemeinsam mir Heinrich Meng „Das Ärztliche Volksbuch“ sowie 1926 „Das Psychoanalytische Volksbuch“. Im selben Jahr wurde er Mitherausgeber der „Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse“ und 1931 der „Zeitschrift für Psychoanalytische Pädagogik“.
1938, nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten in Österreich, verließ Paul Federn Wien, flüchtete über Schweden und emigrierte in die USA, wo er schließlich in New York lebte und arbeitete. Sein jüngster Sohn, Ernst, wurde von der GESTAPO gefangen genommen und ins KZ Dachau gebracht.
In den folgenden Jahren im Exil fuhr Paul Federn fort, die theoretischen und therapeutischen Konzepte seiner Arbeit über Psychosen weiterzuentwickeln, er wurde 1946 Mitglied der New York Psychoanalytic Society und war dort u.a. als Lehranalytiker tätig.
Im November 1946 wurde ein Blasenkarzinom bei Federn entdeckt. Er wurde operiert und behandelt und im Glauben gelassen, es handle sich um einen gutartigen Tumor. Sein Sohn Ernst, mittlerweile aus dem KZ befreit, kam zu dieser Zeit auch nach New York.
Paul Federn erhielt 1949 eine Einladung zu einer Vortragsreise nach Topeka, die für ihn einen Höhepunkt seiner Karriere bedeutete. Als er von dieser Reise zurückkehrte, teilte man ihm mit, dass es sich um einen bösartigen Tumor handelte. Er entschloss sich erneut zu einer Operation, die, wie sich herausstellen sollte, nicht den gewünschten Erfolg brachte. Im Dezember 1949 verstarb seine Frau, deren Verlust er sehr schwer verwinden konnte. Er konnte in der Folge nur sehr wenig arbeiten, schließlich war für Mai 1950 eine neuerliche Operation geplant und er arrangierte unter dem Vorwand, dass er wohl lange nicht arbeiten werde können, für all seine Patienten neue Analytiker und erschoss sich am 4.5.1950 in seinem Arbeitszimmer.
Würdigung:
„Das wesentliche wissenschaftliche Verdienst Paul Federns liegt im Bereich der Ich-Psychologie und der Psychologie, bzw. Therapie der Psychosen. Mit seiner introspektiven und phänomenologischen Methode war es ihm möglich, die Bedeutung der neuen Konzepte der Ich-Psychologie für die Behandlung der Psychosen hervorzuheben. So konnte er beschreiben, dass Depersonalisationserlebnisse auf ungenügende Besetzung des Ich zurückzuführen sind und nicht auf eine ungenügende Objektbeziehung [...]. Das Konzept der Ich– Grenzen, das Federn aufgestellt hat, ist von wesentlicher Bedeutung für das Verständnis von Phänomemen der psychotischen Psychopathologie, wie Halluzination und Wahn.“ (Leupold-Löwenthal 1986).
Bibliografie
Schriften von Paul Federn (Auswahl):
Federn, Paul (1912): Beiträge zu „Die Onanie“. Vierzehn Beiträge zu einer Diskussion der WPV. Wiesbaden: J. F. Bergmann, 68-82.
Federn, Paul (1913): Die Quellen des männlichen Sadismus. In: IZP 1, 29-49.
Federn, Paul (1913): Ein Fall von Pavor nocturnus mit subjektiven Lichterscheinungen. IZP 1, 556-559.
Federn, Paul (1913): Beiträge zur Analyse des Sadismus und Masochismus. I. Die Quellen des männlichen Sadismus. IZP 1, 29-49.
Federn, Paul (1914): Die libidinösen Quellen des Masochismus. IZP 2, 105-130.
Federn, Paul (1914): Über zwei typische Traumsensationen (1. Vorbemerkung, 2. Über den Hemmungstraum, 3. Über den Flugtraum). Jahrbuch der Psychoanalyse 6, 89-134.
Federn, Paul (1914): Lust – Unlustprinzip und Realitätsprinzip. IZP 2, 492-505.
Federn, Paul (1914): The Infantile Roots of Masochism. New York Medical Journal C, 351-355.
Federn, Paul (1915): Some General Remarks on the Principles of Pain-Pleasure and of Reality. The Psychoanalytic Review 2, 1-11.
Federn, Paul (1919): Zur Psychologie der Revolution: Die Vaterlose Gesellschaft. Wien: Anzengruber.
Federn, Paul (1919): Einschlafen und Einschläfern. Wiener klinische Wochenschrift 32, 1243- 1244.
Federn, Paul (1919): Rezension von: Alfred Adler, Das Problem der Homosexualität. München 1917. IZP 5, 220-221.
Federn, Paul (1920): Zur Frage des Hemmungstraumes. IZP 6, 73-75.
Federn, Paul (1920): Rezension von: Bernhard Aschner, Die Blutdrüsenerkrankungen des Weibes. Wiesbaden 1915. IZP 6, 89-90.
Federn, Paul (1921): Rezension von: Ulrich Grüninger, Zum Problem der Affektverschiebung. Zürich 1917. IZP 6, 479-500.
Federn, Paul (1923): Die Geschichte einer Melancholie. IZP 9, 201-206.
Federn, Paul (1924): Masturbation. Journal of Sexology and Psychoanalysis 2, 251-266.
Federn, Paul/Meng, Heinrich (Hg.) (1924): Das ärztliche Volksbuch. Stuttgart.
Federn, Paul (1926): Einige Variationen des Ichgefühls. IZP 12, 263-274.
Federn, Paul/Meng, Heinrich (Hg.) (1926): Das psychoanalytische Volksbuch. Stuttgart. (1. Auflage 1926; 2. erweiterte Auflage 1928; 3. erweiterte und umgearbeitete Auflage 1939).
Federn, Paul (1927): Narzissmus im Ichgefüge. IZP 8, 420-438.
Federn, Paul (1928): Psychoanalyse. Praktisches Wissen. 3. erweiterte Auflage. Leipzig: Reclam.
Federn, Paul (1928): Über den alltäglichen Zwang. IZP 15, 214-221.
Federn, Paul (1929): Das Ich als Subjekt und Objekt im Narzissmus. IZP 15, 393-425.
Federn, Paul (1930): Der neurotische Stil. Abhandlungen aus der Neurologie, Psychiatrie, Psychologie und ihren Grenzgebieten 61, 194-201.
Federn, Paul (1930): Psychoanalytische Auffassung der „intellektuellen Hemmung“. Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik 6, 393-408.
Federn, Paul (1930): Die Wirklichkeit des Todestriebes. Zu Freuds „Unbehagen in der Kultur“. Hippokrates 3, 341-366.
Federn, Paul (1931): Eduard Hitschmann zum 60. Geburtstag (28. Juli 1931). IZP 17, 420-423.
Federn, Paul (1931): Der Lebensmüde im Krankenhaus. Österreichische Blätter für Krankenpflege und Fürsorge 7, 77-86.
Federn, Paul (1932): Das Ichgefühl im Traume. IZP 18, 145-170.
Federn, Paul (1932): Ego Feeling in Dreams. Psa. Quarterly 1, 511-542.
Federn, Paul (1933): Die Psychosenanalyse. Zur Indikation. IZP 19, 207-210.
Federn, Paul (1933): Die Psychosenanalyse. Zur Technik. IZP 19, 444-449.
Federn, Paul (1933): Zunahme der Süchtigkeit. “ Die Bereitschaft“ 13, 77-79.
Federn, Paul (1936): Zur Unterscheidung des gesunden und krankhaften Narzißmus. IZP 22, 5-39; auch in: Federn (1956), 303-337.
Federn, Paul (1940): Hysterie und Zwang in der Neurosenwahl. IZP 25, 245-263.
Federn, Paul: Ego Psychology and the Psychoses. Ed. by Edoardo Weiss. New York. Dt. Ausgabe: (1956): Ichpsychologie und die Psychosen. Bern [u.a.]: Huber. Neuausgabe: (1978): Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Sekundärliteratur, Quellen:
Anzieu, Didier (1998): Das Haut-Ich. 2. Aufl. Frankfurt/Main.
Elrod, Norman (1990): 40 Jahre danach – Reflexionen über die Ichpsychologie Paul Federns. Luzifer-Amor 3, 137-152.
Fallend, Karl (1988): Wilhelm Reich in Wien. Psychoanalyse und Politik. Wien/Salzburg.
Federn, Ernst (1971): Fünfunddreißig Jahre mit Freud. Zum 100. Geburtstag von Paul Federn am 13. Oktober 1971. Psyche 25, 721-737.
Federn, Ernst (Ed.) (1972): Thirty-Five Years with Freud. In Honour of the Hundredth Anniversary of Paul Federn, M.D.. Journal of Clinical Psychology 32.
Federn, Ernst (1999): Ein Leben für die Psychoanalyse. Von Wien über Buchenwald und die USA zurück nach Wien. Gießen: Psychosozial.
Federn, Etta (1937): Mujeres De Las Revoluciones. Barcelona 1937. Dt.: (1997): Revolutionär auf ihre Art, Hg. v. Kröger, M. Giessen: Psychosozial.
Jones, Ernest (1953): Sigmund Freud – Leben und Werk. Bd. 1-3. Bern: Huber.
Kuschey, Bernhard (2003): Die Ausnahme des Überlebens. Bd.1. Gießen: Psychosozial.
Leupold-Löwenthal, Harald (1986): Handbuch der Psychoanalyse. Wien: ORAC, 84 f.
Meng, Heinrich (1956): Paul Federn 1871-1950. In: Federn, Paul: Ich Psychologie und die Psychosen. Hg. von Heinrich Meng. Bern/Stuttgart, 341-349.
Mühlleitner, Elke (1992): Biographisches Lexikon der Psychoanalyse. Die Mitglieder der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft und der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 1902-1938. Tübingen: Edition diskord.
Reichmayr, Johannes/Wiesbauer, Elisabeth (1978): Das Verhältnis von Sozialdemokratie und Psychoanalyse in Österreich zwischen 1900 und 1938. In: Hubert, Wolfgang (Hg.): Beiträge zur Geschichte der Psychoanalyse in Österreich. Wien/Salzburg, 25-60.
Weiss, Edoardo (1951): Obituary. Paul Federn. IJP 32, 242-246.
Weiss, Edoardo (1966): Paul Federn 1871-1950. The Theory of the Psychosis. In: Alexander, Franz/Eisenstein, Samuel/Grotjahn, Martin (Hg.): Psychoanalytic Pioneers. New York/London, 142-159.
Links:
www.padd.at
http://www.enotes.com/psychoanalysis-encyclopedia/federn-paul
Irmgard Stöger, 2008
Red. CD, 2010
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